Mit Datum vom 15.2.1994 schreibt Herr Dipl. Ing. Willi Wunderer
von der HBLVH Klosterneuburg:
" ... wird die Vermutung ausgedrückt, daß Blaufränkisch eine
positive Selektion bodenständiger Rotweinsorten unter Karl dem
Großen sein soll, wobei die wertvollsten Sorten die "Fränkischen“
und die minderen die "Heunischen“ (Hunnischen) waren.
Goethe sieht auch die Verbindungen nach Kroatien. Die neue
Literatur schrieb diese Vermutungen ab“.
1994 fand ein Briefwechsel statt mit Frau Dr. Edit Hajdu in
Ungarn. Hier die stichwortartige Beantwortung.
"Kékfrankos
Synonym: Nagyburgundi, Blaufränkisch, Limberger, Frankovka,
Moravka, Siroka lisztnüj
Herkunft: ist unbekannt. Nach Viala-Vermorel 1901/1919 war
sie Anfang Jahrhundert XIX noch nicht bekannt.
Weitere Verbreitung ist in Ungarn zu erwarten. Heute ist sie
die verbreiteste Rotweinsorte in Ungarn.
Der Wein ist schön rubinrot, feiner Duft, angenehme Säure,
allgemein beliebt in Ungarn. Man sagt "König der Keller“. Teil
von dem weltberühmten "Erlauer Stierblut“.
Am 5.8.1996 gibt Professor Vilem Kraus aus Lednice na Moravé in
Tschechien (CZ) eine Stellungsnahme über den Lemberger ab;
hier heißt es u.a.:
"Herkunft ist unbekannt. Man vermutet am meisten Kroatien.
Es ist eine alte Sorte, die früher vereinzelt in den Rebenbeständen
verstreut war. Im 19. Jahrhundert kann man dann reinsortige
Bestände von der Sorte Blaufränkisch in Niederoesterreich finden
(Vöslau), in Ungarn, in der Slowakei und in Mähren. Im Jahre 1870
wurde sie nach Elsaß importiert, wo sie der Rebschulist LEROUX
sehr propagierte. Im Jahre 1875 hat die ampelographische Komission
in Colmar festgelegt, daß der Name Blaufränkisch der Hauptname
der Sorte in den deutschsprachigen Ländern ist.
In der Tschechischen Republik war die Sorte Frankovka am
meisten in Mähren seit jeher verbreitet, woran auch das Synonym
"Cerné starostvetské“ (=Schwarzer altväterlicher oder altweltlicher)
andeutet. In der ersten Hälfte des 20. Jahrh. war die
Verbreitung etwas dadurch gehemmt, daß Frankovka nicht gut
selektioniert war und man fand unter den Stöcken viele Verriesler.
Erst nach dem es zur Klonenbildung kam, hat sich die Sorte stärker
verbreitet und es ist heute neben Sankt Laurent die meist verbreitete
Rotweinsorte. Die Weinqualität in Mähren ist vorzüglich
und die Weine sind sehr begehrt. Hauptsächlich von den Lokalitäten:
Velké Pavlovice und Kounice. In Böhmen ist die Sorte fast
verschwunden da die Reife dort zu spät eintretet. Es bewähren
sich dort besser Portugieser, Zweigeltrebe und Spätburgunder.
Frankovka ist eine Sorte die auch viel verwendet wird bei der
Neuzüchtung durch Kreuzung, wo sie die Weinqualität der
Nachkommenschaft verbessert. Besonders interessante Resultate
gibt die Kreuzung mit Sankt Laurent (Zweigeltrebe, André,
Fratava) und die Benützung dieser neuen Sorten zur weiteren
Kombinierung.
Frankovka wird auch in der Zukunft eine wichtige Rolle bei
der Rotweinerzeugung in Mähren spielen.“
Per 12.9.1996 antwortet Herr Direktor Dr. J. Barna von der Höheren
Bundeslehranstalt und Bundesamt für Wein- und Obstbau
Klosterneuburg, Österreich:
"Bezugnehmend auf Ihre Anfrage über die Herkunft der Sorte
"Blaufränkisch“ kann man nur spekulative Antworten geben.
Die Sorte hatte und hat noch recht viele Synonyme. Zu dieser
Bezeichnungsvielfalt zählt auch der in Ungarn fälschlich verwendete
Name Nagyburgundi (Großburgunder). In der ehemaligen
Sowjetunion wurden unter anderem auch neben Lemberger-
Limberger, im Nord-Kaukasus die Bezeichnung "Schiroka
Stolnüj“ (Breitblättriger) verwendet.
Wenn man die Herkunft als Lemberg annimmt, müßte man
sofort die Frage stellen: Welches Lemberg hier gemeint sei? Im
alten Österreich-Ungarn gab es nämlich mehrere Orte dieses
Namens u.a. ein Dorf Lemberg (mit Weinbau) in der Untersteiermark.
Um Ihnen einen kurzen Überblick zu vermitteln, übersenden
wir Ihnen in der Beilage einige themenspezifische Unterlagen.“
Ende 1997 ergab sich eine interessante Korrespondenz mit Herrn
Direktor Dr. Johann Hagenauer vom Weinbaumuseum in Gumpoldskirchen.
Einmal erfahren wir hier authentische Angaben über den in
vorstehenden Passagen mehrfach erwähnten Herzog Karl von
Lothringen und Barr. "Herzog Carl Alexander war der Bruder des
Kaisers Franz Stephan von Lothringen und damit der Schwager
von Kaiserin Theresia. Er war seit 1741 Generalgouverneur der
Österreichischen Niederlande mit Sitz in Brüssel ... aus dem
Nachlass des Grafen Philippi hatte Herzog Carl im Jahre 1740 das
Schlössl im benachbarten Möllersdorf gekauft. Dabei besaß er
nicht nur einen Rebgarten bei seinem Schloss, sondern noch
einen weiteren Weingarten auf der Gemarkung von Gumpoldskirchen“.
Angeblich ließ er sich von dort den Wein nach Brüssel
schicken. Zum letzten Mal war Carl Alexander im Jahre 1770 in
Wien. Sein "Stammpersonal“ – Hausmeister, Zimmerwärter, Winzer
und Gärtner – blieb weiter in Möllersdorf. Es ist nicht auszuschließen,
daß gerade Antoine im Auftrag von Herzog Carl die
Burgunderrebe mitgebracht und diese im Ried Eichberger angepflanzt
hatte. Dr. Hagenauer schreibt:
" ... die vielen Notizen über dieses Faktum lassen es durchaus
glaubhaft erscheinen. Über die Anzahl der Reben steht nirgendwo
etwas ...“
Im Dezember 1997 haben Dr. Székel Lajos und Molnar Tibor
aus Sopron (Ungarn) eine Arbeit mit dem Titel "Über die Herkunft
des Blaufränkischen“ veröffentlicht. Nachfolgend einige
übersetzte Abschnitte daraus.
" ... Der Blaufränkische ist der typische Rotwein der Stadt
Sopron und der Soproner Weingegend.
Der Blaufränkische ist eine unserer wertvollsten Sorten, aus der
man Rotwein herstellen kann. Seine Weinstöcke bilden eine Anlage
von ausgeglichenem Bestand, treiben wenig Schoße und sind
leicht zu behandeln. Der Blaufränkische spielt unter den ungarischen
blauen Keltertrauben eine führende Rolle. Er wurde von den
Züchtern oft als Rebenpartner verwendet. Bekannt sind die folgenden
Sorten: der österreichische Zweigelt und Blauberger, Taltos,
Magyar-Frankos, Rubintos, sowie die durch Pal Kozma und seine
Partner veredelten Sorten CS.V.420 und CS.V.525.“
Bis 1970 lag die Hälfte des 2500 ha großen Blaufränkischbestandes
in der Soproner Weingegend.
Viele beschäftigen sich mit seiner vermuteten Herkunft und
ihm wurde österreichische Herkunft beigelegt. Laut der französischen
Viala-Vermorel-Ampelographie fehlen Kenntnisse über die
Sorte seit dem ersten Teil des 19. Jahrhunderts.
Der Österreicher Helmuth Romé datierte die Erscheinung der
Sorte in seiner Arbeit über den Blaufränkischen auf die Zeit der
Herrschaft Karls des Großen (768–814). Der Gründer des fränkischen
Reiches beschäftigte sich begeistert mit Weinbau. Nach seinem
Sieg über die Awaren und nach der Gründung von Ostmark
ließ er die schlechten "hunnischen“ Sorten ausschneiden und sie
durch französische ersetzen. Es widerspricht den Vorstellungen,
daß der Blaufränkische laut der Ampelographie eine typisch französische,
der Sorte convarietas occidentalis subconvarietas gallika
angehörende Sorte wäre, wie Cabernet, Medoc, Pinot, im Gegensatz
zu Rotweinen, die der Sorte convarietas orientalis subconvarietas
caspica angehören. Er war in Frankreich nie bekannt und
wurde auch nie angebaut.
Der Name fränkisch kann jedoch unabhängig davon aus dieser
Zeit stammen. Die Sorten, die zum Anbau auserwählt wurden,
bekamen das Qualitätszeichen "frank“. Eine dieser zum Anbau
erwählten Sorten konnte der nicht aus Frankreich stammende
Blaufränkische sein; er wurde im deutschen Sprachgebiet "fränkisch“,
in der norditalienischen Provinz Friaul "franconia“ genannt.
In Niederösterreich kannte man 1767 die Sorte unter dem
Namen Schwarze Frankisch. Der deutsche Name Limberger
stammt aus Limberg bei Retz in Niederösterreich, das zu Beginn
der Neuzeit eine Rotweingegend war. Nach den Chroniken trank
Kaiser Ferdinand gern und regelmäßig den Limberger Rotwein.“
1898 erschien eine Schrift des Landwirtschaftsministeriums mit
dem Titel "Wegweisung zum Weinbau“, in der es eine Beilage gab,
die als Anweisung für die Experten des Weinbaus und der Weinkunde
diente. Sie machte alle Rotwein-produzierenden Traubensorten
in Europa bekannt, die charakteristisch für die einzelnen
Weingegenden unserer Heimat sind.
Dieselbe Schrift berichtete über die "Blau Fränkische“ Traube
als eine der zur Zucht erwählten Sorten folgendermaßen:
"Andere Namen: bei Preßburg hieß es Blau-Fränkisch, Rother
Zierfandler; auf anderen Gebieten des Landes: Großburgunder.
Im Komitat Zala heißt er Oporto, am Neusiedler See Blauer ...
... Hier wird erwähnt, daß man diese Sorte fast im ganzen
Land als Großburgunder kennt, obwohl man echten Großburgunder
in Ungarn (Gamay noir) nur stellenweise findet.“
Es ist gut vorstellbar, daß diese laut Ampelographie aus dem
Gebiet des Kaspischen Meeres stammende Sorte durch die Völkerwanderung
oder andere östlichen Einflüsse nach Pannonien
kam. Es gibt kein Anzeichen dafür, daß die Sorte aus Österreich
nach Ungarn geraten wäre.
Im Chaos um den Namen der Sorte spielten auch die Namen
wie Großburgunder-Limberger-Blauer-Moravka eine Rolle, so
daß es über die Sorte namens Blaufränkisch im ersten Teil des 19.
Jahrhunderts keine Aufzeichnungen gibt.
Im Soproner Archiv wurde der Blaufränkische das erste Mal 1895
in einer Studie von Pal Vetter, dem Direktor der Janos-Kolonie,
erwähnt. Der Titel der Schrift heißt "Untersuchung der Pfropfrebenanlage
auf Most“. Über Pal Vetter sollte man wissen, daß es die
Aufgabe der von ihm geleiteten Kolonie war, den Pfropfenbedarf
der durch die Reblausseuche ausgestorbenen Anlagen herzustellen.
Sein besonderes Verdienst war es, daß er die Weinbauern
lehrte, wie man Pfropfreben herstellt. In Sopron beschäftigte sich
Weinbauinspektor Laszlo Pettenkofer, der erste Obergärtner des
Soproner Staatsgutes, mit der Frage der Herkunft des Blaufränkischen.
In seiner Studie mit dem Titel "Der Blaufränkische ist die
dominante Traubensorte der Soproner Weingegend“ (1977 in der
Soproni Szemle erschienen) fasste er seine Kenntnisse zusammen,
die er über die Herkunft der Sorte sammelte. Von ihm wissen
wir, daß man den Namen "Blaufränkischer Wein“ in Ungarn
erst 1923 benutzte. Zur Hilfe der Weinbauern, die wegen der
Soproner Völkerabstimmung in schwere wirtschaftliche Lage
geraten waren, organisierte die Regierung eine Inventionsweinmesse.
Der Wein wurde, in Budafok in Flaschen gefüllt, unter
dem Namen Blaufränkisch verkauft. Der Händler Mihaly Jäger
setzte seinen Flaschenwein in der 30er Jahren mit dem Namen
"Soproner Blaufränkischer“ um.
Die Soproner Weingegend war im Mittelalter durch ihre
weißen Weine berühmt, in günstigen Jahrgängen gab es hier
sogar Wein von Ausbruchqualität. Angaben über Anbau von blauen
Trauben haben wir erst aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
In der historischen Vergangenheit existierte in Ungarn und in
den umliegenden Ländern eine Rotweinsorte, die im Gegensatz
zu den Rotweinen der französischen Weingegenden nicht von der
Sorte occidentalis subconvarietas gallika stammte, sondern von
der Sorte orientalis subconvarietas caspica. Ein unumstrittenes
Verdienst der Vorsitzenden der Stadt Sopron und der Experten
der Soproner Weingegend ist, daß sie die Vorteile der Produktionsmöglichkeiten
einer seit Jahrhunderten schlummernden
Traubensorte erkannten. Als die Nachfrage nach Rotwein größer
wurde, hatten sie genug Kraft und Mut, das Gesicht ihrer Weingegend
in einem halben Jahrhundert zu verändern und zur Rotweinproduktion
umzustellen.
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