Verein zur Förderung der Lemberger Kultur e.V.
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Was sagt die antiquarische Literatur über den Lemberger aus?

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Für die Behauptung, daß der Blaue Lemberger erst seit maximal 150 Jahren in Württemberg an- bzw. ausgebaut wird, sprechen u. a. auch zahlreiche Veröffentlichungen aus den Jahren zwischen 1766 und 1907, in denen nie von „Lemberger“ die Rede war. Um diese These weiter zu erhärten, sollen dazu Weinhistoriker und Ampelographen, Oenologen, aber auch Weinbau-Autodidakten des 18. und 19. Jahrhunderts aus Baden, Württemberg und anderen Weinbauregionen in Deutschland zu Wort kommen. Alle bekannten Standardwerke wurden speziell auf eventuelle Hinweise auf den Lemberger bzw. den Blaufränkischen überprüft. In der Reihenfolge ihrer Veröffentlichungen waren dies:

1766M. Balthasar Sprenger Erster Band: "Vollständige Abhandlung des gesammten Weinbaus ...“
1767M. Balthasar Sprenger Zweyter Band: "Vollständige Abhandlung des gesammten Weinbaus ...“
1767Johann Caspar Schiller (Vater von Friedrich Schiller) "Betrachtungen über landwirtschaftliche Dinge in dem Herzogthum Württemberg“
1773/74Johann Joseph Reuss "Von dem Neccarmost und den Neccarweinen“
1778M. Balthasar Sprenger Dritter Band: "Vollständige Abhandlung des gesammten Weinbaus ...“
1804Ludwig Heinrich Kalb "Leichte und gründliche, durch Erfahrungen erprobte Anleitung, die Weine durch sorgfältige Anlage der Weinberge ...“
1810Ludwig Heinrich Kalb "Der Weinbau nach theoretischen und practischen Kenntnissen ...“
1827G. Schübler und John Berg "Untersuchungen über Obst- und Weintrauben-Arten...“
1827Johann Metzger "Der Rheinische Weinbau“ 1829 Johann Friedrich Rieb "Practischer Weinbau am Neckar ...“
1829Carl Friedrich (von) Gok "Die Wein- Rebe mit ihren Arten und Abarten“ 1831 Jakob Hörter "Die besten Setzreben ...“
1831Johann Gottlieb Steeb "Fachliche Anleitung zum Weinbau mit besonderer Rücksicht auf die neueren Verbesserungen ...“
1834arl Friedrich (von) Gok "Über den Weinbau am Bodensee, an dem oberen Neckar und der schwäbischen Alp“
1835A. Julien "Thopographie aller bekannten Weinberge und Weinpflanzungen nebst einer General Classifikation der Weine“.
1835Freiherr L.von Babo und J.Metzger "Über die Wein- und Tafeltrauben der deutschen Weinberge und Gärten“.
1836G.Schübler und Friedrich Köhler "Untersuchungen über Most- und Weintraubenarten Württembergs“.
1836Carl Friedrich (von) Gok 1838 "Die Wein- Rebe und ihre Früchte, oder Beitrag der für den Weinbau wichtigen Wein-Rebenarten“
1837Johann Philipp Bronner Erste und zweite Abtheilung: "Der Weinbau im Königreich Württemberg“.
1838Freiherr Ludwig von Babo "Die Wein- und Tafeltrauben der deutschen Weinberge und Gärten“
1840Ludwig von Babo "Der Weinstock und seine Varitäten“
1850Carl Volz "Beiträge zur Geschichte des Weinbaus in Württemberg“
1850Carl Volz "Über die Rebsorten in früheren Zeiten in Württemberg“
1855Freiherr L. von Babo "Der Weinbau nach der Reihenfolge der vorkommenden Arbeiten“
1856Johann Philipp Bronner "Die Bereitung der Rothweine“.
1859K. A.. Hellenthal "Hilfsbuch für Weinbesitzer und Weinhändler“
1860Ludwig Freiherr von Babo "Die Landwirtschaft und das Forstwesen im Großherzogthum Baden“
1864Friedrich Mohr "Der Weinstock und der Wein“
1865Friedrich Mohr "Der Weinbau und die Weinbereitungskunde“
1865Wilhelm Hamm "Das Weinbuch“
1868Immanuel Dornfeld "Die Geschichte des Weinbaus in Schwaben“
1869Karl Pfaff "Württembergische Wein-Chronik“
1878I. B. Müller und M. Lebl "Der Weinstock“
1901Medart Barth "Der Weinbau des Elsass“
1907Josef Herold "Die Verbreitung des Weinbaus in Württemberg“

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Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß in den vorab angeführten 35 Veröffentlichungen aus deutschen Weinbaugebieten (bis auf wenige Ausnahmen) keinerlei wissenswerte Erwähnungen oder Hinweise über die Rebsorte Limberger-Blaufränkisch vorgefunden wurden.

Ein weiteres Indiz dafür, daß der Lemberger zumindest in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Württemberg (noch) nicht erwähnt bzw. bei uns nicht im Anbau war, ist auch aus dem Ergebnis einer statistischen Darstellung und Zusammenfassung aller seinerzeit in Württemberg angebauten Traubensorten aus den Jahren 1825 und 1826 zu ersehen. Eine Lembergerrebe wurde dabei nicht aufgeführt.

Weiter konnte im „Correspondenzblatt des Königlich Württembergischen Landwirtschaftsverein“ aus dem Jahre 1835 bei der Beschreibung der heimischen Traubengattungen ebenfalls kein Hinweis auf den Lemberger gefunden werden. Immanuel Dornfeld, der wohl bedeutendste Pionier des Weinbaus im vergangenen Jahrhundert in Württemberg, hatte am 15. Februar 1845 in Nr.7 des „Wochenblattes für Land- und Hauswirtschaft“ einen Artikel samt Fortsetzungen mit dem Titel: „Ueber die Anpflanzung der edleren Traubengattungen“ verfasst. Auch in diesem ausführlichen Bericht wird keine Lembergertraube erwähnt.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch ein Auszug aus „Beiträge zur Geschichte des Weinbaus in Württemberg“ von C. Volz im Jahre 1850:

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„… während der Regierung des Herzogs Karl (1744–1793) trat nämlich der württembergische Weinbau in eine neue Krisis, als durch Vermittlung des Geheimenraths Bilfinger fremde Reben nach Württemberg eingeführt wurden. Bilfinger, einer der verdienstvollsten Männer Württembergs, hatte in den Jahren von 1748 bis 1750 mit großen Kosten edle Reben aus allen Wein bauenden Ländern, aus Italien, Spanien, Frankreich, Burgund, Ungarn, Griechenland, ja selbst aus Cypern und Persien bezogen … nach Bilfingers Tod kaufte Herzog Karl einen dieser Weinberge, der auf dem Dorschenberg … die Aufsicht wurde dem Botaniker Martini übertragen. Diesem Herrn, sagt Prälat Sprenger, haben wir es nun (1786) zu verdanken, daß die besten ausländischen Sorten nicht nur für die Weinberge der Hofkammer und des Kirchenguts gebracht wurden, sondern auch Privaten …“ Bei den hier namentlich aufgeführten, in Württemberg in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts existierenden Rebsorten waren keine Lembergerreben aufgeführt.

Canzleyrath und Cameralverwalter Immanuel Dornfeld hatte 1859 in seiner preisgekrönten Schrift „Weinbauschule, oder Anleitung zur Pflanzung der Rebe …“ lediglich in einem Nebensatz vermerkt:

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“ … wird sodann in der neuesten Zeit von vilen Weingärtnern der blaue Portugieser, der blaue Limberger, der blaue Liverdun, der Rothgipfler angepflanzt und empfohlen, ohne genau zu wissen, ob diese ganz neue Traubengattungen für unsere climatischen Lagen- und Bodenverhältnisse passen und ob durch deren Anpflanzung wirklich auch eine Verbesserung unserer Weine … erzielt wird“.

Einen Hinweis habe ich dann in dem klassischen Standardwerk „Abbildungen der Traubensorten Württembergs“ des Stuttgarter Weingärtners und Stadtrates Christian Single aus dem Jahre 1860 gefunden. Im Kapitel „Der blaue Lemberger“ heißt es u.a. “ … diese Rebsorte kommt … aus Oesterreich; sie ist aber bis jetzt in Württemberg weniger bekannt, sie wird erst seit einigen Jahren genannt … in einigen Gegenden Oesterreichs ist der Lemberger nur unter dem Namen Portugieser bekannt und bildet dort den vorherrschenden Rebsatz, was ganz sichere Nachrichten und die Tathsache beweisen, daß von dorther schon statt Portugieserreben Limbergerreben nach Württemberg gesendet wurden …“

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Direkte, spezielle Hinweise über die eigentliche Herkunft der Lembergertraube sind in der Beschreibung von Single nicht enthalten. Dieser Single, Ausschussmitglied in der „Gesellschaft für die Weinverbesserung in Württemberg“ und späterer erster Vorstand der Königlichen Weinbauschule in Weinsberg, berichtete im „Wochenblatt für Land- und Forsthwirtschaft Nr.8 vom Februar 1864“ über eine von ihm geleitete Informationsreise mit einer Gruppe von Weingärtnern. Diese fand im Auftrag der Centralstelle für die Landwirtschaft vom 28. August bis 7. September 1862 statt und war in die Bodenseegegend, die nördliche Schweiz, die Rhein- und Maingegend und dem Rheingau gerichtet: “ … mein Bericht bezieht sich für diesesmal mehr auf die in einzelnen dieser Gegend allgemein angepflanzten blauen und schwarzen Traubensorten…“

Lediglich in einem Nebensatz wurde der Lemberger erwähnt, bzw. dabei auf seine vorgenannte Buchbeschreibung verwiesen. Wir bleiben weiter bei Christian Single. In der Beilage 3 des „Wochenblattes für Land- und Forstwirtschaft, Jahrgang 1864, Nr.8“ schreibt er:

„Bezüglich der Güte des (Lemberger-)Weins kann ich nicht umhin, den im Eingang erwähnten und bei uns erst in neuerer Zeit eingeführten, ziemlich frühreifenden blauen Limberger wiederholt zur Empfehlung zu bringen.“

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Die im Fache des Weinbaus und der Rebenzucht weitbekannten Herren Oekonomierath J. Ph. Bronner und Oekonom Karl Bronner in Wiesloch bei Heidelberg, bezeichneten den Limberger 1853 bei der Versammlung deutscher Wein- und Obstproduzenten zu Karlsruhe, als eine von denjenigen blauen Traubengattungen, welche neben reichlichen Erträgnissen einen der gehaltvollsten und haltbarsten Rothweine liefern, was auch von anderen Theilnehmern, welche diese Traubengattung, gleichwie die Herren Bronner, schon längere Zeit in größerem Umfang angepflanzt hatten, bestätigt wurde …

Auf die Empfehlung hin ließ ich mir im Frühjahr 1854 neben verschiedenen andern neuen Traubengattungen auch eine Partie Limberger- Wurzelreben von Karl Bronner aus Wiesloch kommen, welche an 10 Ausschußmitglieder des hiesigen Güterbesitzervereins (in Stuttgart) vertheilt wurden, um möglichst bald und zwar in den verschiedenen Lagen und Bodenarten der Stuttgarter Berge, dessen Güte zu ermitteln.

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Seit jener Zeit widmete ich dieser Traubengattung die sorgfältigste Beachtung und pflanzte dieselbe an verschiedenen Stellen neben dem Portugieser an, um vergleichend zu erproben, welche von diesen 2 aus Oesterreich stammenden Traubengattungen die empfehlenswerteste ist; und es stellte sich indessen unzweifelhaft heraus, daß der Limberger zwar eine sorgfältige Wahl des Bodens und passende Behandlung in Erziehung und Schnitt erfordert, um in den Erträgnissen so ergiebig und sicher zu seyn, wie die Erträgnisse des Portugiesers. Ebenso hat es sich aber herausgestellt, und zwar in allen Jahrgängen von 1857 an, daß der Lembergerwein den Portugieserwein an Geist, Bouquet, Reingeschmack und Haltbarkeit weit übertrifft, was indessen schon durch viele Weinkenner bestätigt wurde … die den Lembergerwein im Werth um mindestens 30–40 Prozent höher tactierten, was doch sichere Anhaltspunkte für die Güte des Limbergerweins sind, in dem beide Sorten nebeneinander … gleich behandelt wurden. Diese Erfahrungen haben auch mehrere andere Weinbergbesitzer in verschiedenen Gegenden des In- und Auslands gemacht. Nach allen Eigenschaften des Limbergerweins … eignet sich derselbe vorzugsweise auch zur Bereitung moussierender Weine und es kann kühn behauptet werden, daß diese Traubengattung nächst dem Klevner geistreicheren Wein liefert, als alle älteren in Württemberg im Großen angepflanzten blauen Traubengattungen.“ Aus dieser ausführlichen und detaillierten Beschreibung Singles geht ebenfalls eindeutig hervor, daß der Blaue Lemberger – in Kombination mit dem Portugieser – zum damaligen Zeitpunkt erst ein kurzes Gastspiel in Württemberg gegeben hat. Sehr wahrscheinlich wurden demnach mit der Lieferung der ersten Portugieser-Schnittlinge an die Hof- und Domänenkammer des Württembergischen Königshauses in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch erstmals Schnittlinge der Lembergerrebe aus dem österreichischen Bad Vöslau, in der Nähe von Wien, zu uns mitgeliefert.

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Und in der Tat, die seinerzeitige „Gesellschaft für die Weinverbesserung in Württemberg“ hatte im Rahmen ihrer über Jahrzehnte währenden Anstrengungen um die strukturelle Verbesserung der heimischen Rebflächen mit „edleren Reben“ – nach den vorhandenen (lückenhaften) Protokollen und Aufzeichnungen im Archiv des Weinbauverbandes – im Jahre 1866 Schnittlinge des Lembergers von dem Rebschulbesitzer Robert Schlumberger aus Vöslau bei Baden in Österreich und später auch von Oekonomierat und Apotheker Johann Philipp Bronner, aus dem badischen Wiesloch, bezogen.

Die Verwaltung der Hofkammer des Hauses Württemberg in Altshausen konnte neuerdings in ihren Archivalien feststellen, daß ein Hinweis über Lembergerreben aus dem Jahre 1865 vorliegt; im Winter 1865 wurden vom Weinberg in Untertürkheim 300 Lemberger- Reben an das Hofkameralamt Freudental geliefert. Der bereits mehrfach erwähnte Stuttgarter Weingärtner Christian Single schreibt im „Wochenblatt für Land- und Forsthwirtschaft Nr.4 vom 27.Januar 1866“:

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„Eine Weinreise … ein Besuch bei dem Rebenzüchter Karl Bronner in Wiesloch um die Zeit der Traubenzeitigung bietet für den Freund des Weinbaus jedes Jahr viel Anziehendes und Interessantes … indem derselbe als einer der größten Rebenzüchter Deutschlands in seinen Weinbergen ein reichhaltiges Sortiment der seltensten, sowie der neuesten und besten Traubengattungen … angepflanzt hat.

So hat Bronner in seinem Sortimentsweinberg neben vielen andern Wein- und Tafeltrauben, unmittelbar neben dem blauen Portugieser und Limberger, die St. Laurent – oder Lorenztraube und die blaue Laska zu vergleichenden Versuchen angepflanzt …“ Der Oekonom Martin Fries hat 1871 in seinem Buch: „Der Weinbau und …“ geschrieben:

“ … diese Rebsorte (Lemberger) wird erst seit wenigen Jahren in Württemberg angebaut, kommt aus Oesterreich und wird namentlich in den Klosterweinbergen zu Lemberg sehr häufig gebaut, so daß ihr der Name Lemberger beigelegt wird, daselbst wird er aber als eine Abart des blauen Portugiesers betrachtet und zwar als eine spätreifende, weil die Reife um Tage später eintritt … der Lemberger kann zu den besten Weintrauben gezählt werden … und liefert einen geist- und bouquetreichen Wein von schöner rother Farbe und großer Haltbarkeit …“ Interessant in diesem Zusammenhang ist der Bericht über die Verhandlungen beim VIII. Deutschen Weinbau-Congress in Colmar (Elsass) im September 1885.

“ … bei der Anpflanzung geeigneter Rebsorten im Elsaß … auch als solche empfiehlt der Redner, Bürgermeister Oberlin wiederholt die von ihm angeführten Portugieser, Limberger, besonders aber St.Laurant … Limberger (Blaufränkisch) gedeiht hier ebenfalls gut…E. Kreuzberg (Ahrweiler), teilt mit, daß man an der Ahr, dessen Rotweinbau bekanntlich seit langer Zeit mit in erster Linie genannt werde, bis vor etwa 15 Jahren nur Spätburgunder zur Rotweinbereitung angebaut habe und alsdann auch Müllerrebe, Limberger und Portugieser gepflanzt worden seien, daß man von denselben nunmehr wieder abkäme und sich in besseren Lagen auf Spät- und Frühburgunder beschränke; Müllerrebe und Limberger geben eine sehr geringe Qualität …“ In der Rebzüchtung hat sich vor dem ersten Weltkrieg Christian Oberlin mit dem Blaufränkischen beschäftigt. Oberlin (1831 bis 1915) errichtete 1857 am Rande der Stadt Colmar ein Weinbauinstitut (Oberlinsches Institut), das hauptsächlich Züchtungszwecken diente.

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