Verein zur Förderung der Lemberger Kultur e.V.
Open
X

Die Grafen von Neipperg – die ersten Importeure des Lembergers?

pfeil-li-endepfeil-lipfeil-repfeil-re-ende

spuren_16
Das große Fragezeichen bleibt immer noch: Woher und von wem stammt in Deutschland das Synonym „Blauer Lemberger“ bzw. „Blauer Limberger“? Hier besteht schon seit dem ersten Erscheinen der Lemberger-Reben in Württemberg ein großes Informationsdefizit. In einem späteren Kapitel wird auf diese Frage nochmals eingegangen.

Es gibt jedoch eine Reihe von vagen Vermutungen, wann und wie die ersten Rebstöcke des Lembergers nach Württemberg gekommen sein könnten. Zunächst die Versionen der Grafen von Neipperg im Zabergäu.

Der Unterländer Journalist Georg Frank schreibt 1992 in seiner „Württemberger Weinkunde“:

“ … Karl-Eugen, Erbgraf zu Neipperg, nimmt für sein adliges Haus in Schwaigern in Anspruch, den Lemberger vor etwa 300 Jahren in Württemberg eingeführt bzw. angesiedelt zu haben. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts behauptet der blaublütige Weinbauingenieur, sei der deutsche Ableger des österreichischen Blaufränkisch nur auf Neipperg’schem Territorium angebaut worden. Schriftliche Beweise gibt es dafür leider nicht, bedauert der Graf …“ Der Wein-Schriftsteller Carlheinz Gräter schreibt 1993 zu diesem Thema in „Württemberger Wein“:

“ … nach einer der unzähligen Legenden haben ihn (den Lemberger) die Herren von Neipperg bei uns eingeführt. Ein Goldkörnchen Wahrheit blinkt da wohl mit auf. Wie Hubert Graf von Neipperg auf Anfrage erklärte, schweigt sich das sonst wohlassortierte Hausarchiv über die Einbürgerung des Lembergers aus. Er vermutet, daß, vor der Konversion seiner Familie, protestantische Glaubensflüchtlinge die Donaurebe aus ihrer Heimat mitgebracht haben, so wie vertriebene Donauschwaben um 1945 noch mit ihren Rebsetzlingen hier ankamen. Der Limberger wäre danach nicht von der Herrschaft per Dekret, sondern von unten her in die schwäbisch-fränkischen Weinberge gelangt …“ Und da bekanntlich aller guten Dinge drei sein sollen, lassen wir auch die Journalistin Sigrun Lutz von der Stuttgarter Zeitung vom 17. Mai 1997 zu Wort kommen:

“ … seit die Fränkischen Grafen von Neipperg im 13. Jahrhundert begannen, sich auch dem Anbau von Reben zu widmen, blieb das Schicksal der Familie eng mit dem Wein verbunden. So hat sich Eberhard Friedrich von Neipperg, erster General am österreichischen Hof, nicht nur durch seinen Sieg über die Türken 1667 bei der Temeschburg einen Namen gemacht, sondern auch einige Reben im Tornister mit nach Hause gebracht und auf seinen Weinbergen den „Blaufränkischen“, hierzulande Lemberger’ geheißen, kultiviert“. Doch auch aus Österreich vernehmen wir eine ,Lemberger-Version’. Dipl. Ing. Wilhelm Bauer aus Klosterneuburg in Österreich, Weinbaufachmann und Weinhistoriker par excellence, hat sich ebenfalls dieser speziellen Neippergªschen Thematik angenommen und gibt seine eigene Version dazu ab. „Verbreitung, Herkunft, Benennung und Weiterzüchtung der Rebsorte Blaufränkisch“, veröffentlicht in „Der Winzer“ 7/1992:

spuren_17

“ … Direktor Dr. Götz von der Landeslehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg ist auch der Ansicht, daß diese Rebe aus dem Donauraum stammt und daß sie vielleicht ein Sproß des Grafenhauses derer von Neipperg eingeführt habe. Die Neipperger waren am Kaiserhof in Wien am Hofe und im Heer tätig. Ausgangspunkt der Verbreitung in Württemberg wären dann die Orte Neipperg und Brackenheim in der Nähe von Heilbronn gewesen.

So war z.B. Adam Adalbert Graf von Neipperg (1775–1829) k.k. Feldmarschall Leutnant, ebenso dessen Sohn Erwin Franz Graf Neipperg (geb. 1813). Wilhelm Reinhard Graf Neipperg (1684–1774) war ebenfalls k.k. Feldmarschall, Ritter des goldenen Vlieses; und Erzieher des Herzogs Franz Stephan von Lothringen, nachmaligen Kaisers Franz I. sowie später dessen vertrauter Freund. Sein Sohn Leopold Johann Repomuk Graf Neipperg scheint für unsere Betrachtungen interessant. Er wurde 1728 geboren und starb 1792 zu Schwaigern, unweit Heilbronn. Graf Neipperg genoß eine sorgfältige Erziehung und widmete sich der diplomatischen Laufbahn. Die Muße seines Gesandschaftsdienstes in Neapel nutzte er zu Versuchen mit einer „Copiermaschine“, als deren Erfinder er gilt. Nach seiner Rückkehr aus Neapel wurde er ,wirkl. Reichshofrat’ in Wien, wo er sicherlich viel Zeit hatte, Niederösterreich kennenzulernen, manche Beziehungen mit Württemberg aufrecht zu erhalten. Ist er der Mann, den wir suchen … ?“

Gibt es sonst noch Hinweise und Zusammenhänge zwischen dem Lemberger und dem Hause Neipperg? Ja, der Domänenrat Steinle aus Schwaigern vom Stammgut der Grafen zu Neipperg hielt am 14. September 1906 einen Vortrag anlässlich einer Exkursion der „Kommission für amtliche Weinstatistik“ mit der Überschrift: „Über den hiesigen Weinbau und denjenigen der Umgebung“

“ … sie stehen, meine Herren, auf einer uralten Stätte; an den Hängen dieser Burg ist seit vielen Jahrhunderten Wein angebaut worden … der Weinbau ist daher vermutlich von dem reichsunmittelbaren Geschlecht der Ritter von Neipperg, deren Besitz sich in den 3 weinbautreibenden Markungen, Klingenberg, Neipperg und Schwaigern erstreckt, hierher gebracht worden … seitdem unsere Verwaltung mehr Wert legte auf sortenreinen Anbau, auf qualitativ bessere Sorten wie Traminer, Weißriesling und schwarzer Burgunder …“

Irgendwelche Hinweise in dem Vortrag über den Lemberger als „Traditionstraube“ o.ä. der Grafen von Neipperg sind nicht ersichtlich. Wenn der Lemberger für das Haus Neipperg schon in der Vergangenheit eine bedeutende Rolle gespielt hätte, dann wäre er doch sicher von Steinle erwähnt worden. Weiter ist interessant zu erfahren, daß der Weingutbesitzer August Wendel aus Brackenheim bei der Herbstversammlung des Württembergischen Weinbauvereins am 27. August 1909 einen Vortrag hielt mit dem Thema: „Der Weinbau des Zabergäus“. Der Redner geht ausführlich in die Weinbaugeschichte des Zabergäus bis zur Römerzeit zurück.

Es fällt dabei auf, daß im 16. und 17. Jahrhundert z.B. Rebsorten neben dem Elbling nur der Traminer und der Muskateller große Bedeutung hatten.

Expressis verbis wird kein Wort über den Lemberger verloren. Diese Rebsorte müsste jedoch, wenn sie im Zabergäu früher eine besondere Bedeutung gehabt hätte, zumindest erwähnt worden sein. Wendel fährt fort:

spuren_18

“ … neuerdings geht das Bestreben tüchtiger Weingärtner dahin, Weinberge in reinem Satze anzulegen. Sie finden in Neipperg, Haberschlacht, Dürrenzimmern, Stockheim, Schwaigern und hier reine Lemberger-, Trollinger- und Rießling-Weinberge; der Nachbarort Neipperg hat in den letzten 20 Jahren mit seinen Lemberger-Weinbergen sehr gute Einnahmen erzielt …“ Auch J. Ph. Bronner in der ersten Hälfte, I. Dornfeld in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und auch der Heimatkundler Theodor Bolay (1969) schreiben in ihren Ausführungen über den Weinbau im württembergischen Zabergäu, daß hier Traminer, Muskateller und Trollinger dominierten, über Lemberger findet sich kein Hinweis. Lediglich Bolay bemerkte so nebenbei, „daß der Lemberger erst in neuerer Zeit im Anbau sei“. Der wohl profundeste deutsche Weinhistoriker, der Deidesheimer Friedrich von Bassermann-Jordan, hat 1923 in seinem zweibändigen Klassiker: „Geschichte des Weinbaus“ mit keiner einzigen Silbe den Lemberger-Blaufränkisch erwähnt. Dies sollte doch sehr zu denken geben!

pfeil-li-endepfeil-lipfeil-repfeil-re-ende